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Artikel von Cornelia Hartel
Bilder einer Aufstellung - Meine Erfahrungen in einem Kindergarten-Team
Ich habe es der Hartnäckigkeit der Leiterin eines Kindergartens zu verdanken, dass ich über eine vierjährige Supervisionstätigkeit für
Erzieherinnen berichten kann.Im Dezember 1999 rief mich diese Leiterin an. Sie suchte eine Supervisorin für Ihr Team. "Supervision? Nein, das mache ich nicht", sagte ich und legte den Hörer fast schon
wieder auf.
Damals arbeitete ich erst seit kurzer Zeit in eigener Praxis für Systemische Einzel - Paar- und Familienberatung mit dem phänomenologischen
Ansatz nach Bert Hellinger.
Meine Anruferin kannte Bert Hellingers Methode des Familienstellens - genau deshalb wollte sie mich für ihr Vorhaben gewinnen. "Das ist
genau das richtige für mein Team", sagte sie. Nachdem ich ihre Wünsche und Vorstellungen angehört hatte, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung: " Okay, als Experiment kann ich es versuchen ".
In den nächsten Wochen arbeitete ich gleich zwei Bücher zur Systemischen Supervision durch und schaute noch mal in meine "alten"
systemischen Lehrbücher. Schließlich wagte ich mich auf unbekanntes Gebiet vor. Immer dann, wenn ich die Aufregung in mir hochsteigen fühlte, beruhigte ich mich. "Es ist ja nur ein Experiment".
Ein starkes Team
Vier Wochen später war es soweit. Ein achtköpfiges Team von Erzieherinnen einschließlich der Leiterin beeindruckten mich mit ihrem Einsatz für
die Kinder und " ihren Kindergarten", in dem sich täglich 75 Kinder von drei bis sechs Jahren einfinden.
Schon gleich beim ersten Treffen war für mich die Begeisterung spürbar, die die Erzieherinnen für ihren Beruf aufbrachten. Doch neben viel
Freude bei dieser Tätigkeit gab es auch immer wieder schwierige und belastende Situationen, wo all die Bemühungen und das erlernte Fachwissen der Erzieherinnen nicht weiterhalfen. Dies betraf besonders den Umgang
mit auffälligen und schwierigen Kindern und den Umgang mit unzugänglichen Eltern. Hier hatte das Team die Hoffnung auf Lösungen durch die Supervision.
Wir verabredeten, dass "unser Experiment" zunächst ein halbes Jahr dauern sollte. Wir trafen uns ein Mal monatlich für anderthalb
Stunden.
Das traurige Kind - Was können wir noch tun?
Den ersten Fall habe ich noch in lebhafter Erinnerung:
Ein vierjähriges Mädchen aus dem Libanon bereitete den Erzieherinnen von Anfang an Sorgen. Von Beginn an, so berichteten sie, wollte es bei
keinem Spiel mitmachen und sich nicht in die Gruppe einfügen, trotz aller Bemühungen. Das Kind weinte viel, hatte zu niemandem Kontakt, zog sich mehr und mehr zurück, zeigte eine Ängstlichkeit und Traurigkeit, die
sich inzwischen belastend auf die Erzieherinnen auswirkte.
Die Frage des Teams war hier: Was können wir noch tun?
Während die Erzieherinnen erzählten, meldeten sich bei mir für einen kurzen Moment mütterliche Gefühle. Sofort stellte ich das Mädchen innerlich
an die Seite ihrer Eltern und ihres Schicksals. Auch beim Team schlugen die Mutterherzen hoch.
Wir stellten diesen Fall mit Stellvertretern aus dem Team auf:Zuerst eine Stellvertreterin für das Mädchen und eine für das Team.Die
Stellvertreterin des kleinen Mädchens sah traurig aus, hatte große traurige Augen. Denselben Ausdruck hatte die Stellvertreterin für das Team. Zwei traurige Menschen.
Ich stellte die Eltern zum Kind und eine Stellvertreterin für den Kindergarten zum Team. Das kleine Mädchen rückte näher an die Eltern heran.
Dann ließ ich die Stellvertreterin für das Team zu ihm Kind sagen: "Bei deinen Eltern bist du aufgehoben".
Plötzlich lächelte das Kind und schaute mit einem Mal das Team und die Stellvertreterin für den Kindergarten freundlich an. Auch bei ihnen wich
die Traurigkeit der Freude. Und beide, Kindergarten und Team waren sichtlich erleichtert über den ausgesprochenen Satz: "Bei deinen Eltern bist du aufgehoben".
Damit beendete ich die Aufstellung, es wurde nicht weiter darüber gesprochen. Das war der erste Abend. Die Veränderung danach beeindruckte uns
alle.
Am Tag nach der Aufstellung kam das Mädchen wegen Krankheit nicht in den Kindergarten. Danach war das Kind wie ausgewechselt. Es ging seitdem
auf andere Kinder zu, es sprach die Erzieherinnen an. "Da will ich auch mitmachen! Da will ich auch mitmachen"! Dies hörten die Frauen immer wieder. Keine traurigen Augen mehr - einfach ein lebendiges Kind.
Neben der freudigen Überraschung im Team über diese Kehrtwendung sagte eine Erzieherin: "Das ist mir unheimlich!" Selbst ergriffen von
der Auswirkung der Aufstellung antwortete ich: "Es war keine Zauberei dabei. Wir haben nur die Ordnung gefunden, mehr nicht. Das scheint zu wirken!".
Den Erzieherinnen fiel selbst auf, dass sie vorher am falschen Platz standen. Jede von ihnen teilte mir mit, dass eine innere Wandlung
stattgefunden hatte. Jetzt konnten sie das Kind mit seinem Schicksal anders anschauen, erst wirklich sehen.Darüber hinaus betrachteten sie ihre Rolle als Erzieherin nun aus einem anderen Blickwinkel.
Es gab auch Situationen, in denen einige der Erzieherinnen oder sogar das gesamte Team " genervt " waren vom Verhalten einzelner
Kinder. Hier war ihnen dann keine professionelle Distanz mehr möglich.
Ein anhängliches Mädchen - Das Achten des Schicksals
Da war zum Beispiel ein dreieinhalbjähriges Mädchen.
Es hatte sich wie ein Schatten an eine Erzieherin geheftet. Am liebsten wäre es noch bis auf die Toilette mitgegangen - es musste davor warten -
schweren Herzens. Die Erzieherin musste dem Kind immer wieder versichern: "Ich bin doch da für dich", fühlte sich dabei aber überfordert. Das Mädchen nahm sie so in Beschlag, dass sie sich kaum noch um die
anderen Kinder kümmern konnte.
In der Aufstellung wurde schnell sichtbar, dass dem Verhalten des Mädchens ein schweres Familienschicksal zugrunde liegt. Auch für die
Stellvertreterin der Erzieherin war das deutlich zu spüren. Hier ging es um das Schicksal einer Familie - das war kein Problem der Erzieherinnen.
Für eine Lösung des familiären Themas gab es keinen Auftrag, das heißt die Erzieherin ist keine Familientherapeutin. Die Achtung vor dem
Schicksal dieser Familie war genug, um für die Erzieherin eine Lösung zu finden.
In der Aufstellung bat ich die Erzieherin zu dem Kind zu sagen: " Ich bin nicht deine Mutter, ich bin hier Erzieherin und für alle Kinder
da." Die Erzieherin atmete auf. Auch dem Kind ging es gut mit diesem Satz.
Hier beendete ich die Aufstellung.
Schon am nächsten Tag zeigte sich eine Veränderung. Plötzlich wendete sich das Mädchen auch anderen aus dem Team zu. Es war deutlich weniger
anhänglich und nahm jetzt auch Kontakt zu anderen Kindern auf.
Das Team war beeindruckt. Immer wieder rückte in den Blick, welch starke Sogwirkung schwere Schicksale auf Mitmenschen haben können. Es wurde
klar, wie wichtig es ist, das Schicksal des Anderen zu achten und es wirklich bei ihm zu lassen. Auch das Anerkennen der eigenen Grenzen ist hierfür erforderlich.
Der Außenseiter - Ich will zu euch gehören
Einen weiteren Fall möchte ich hier noch schildern:
Ein kleiner Junge kam sehr ungern in den Kindergarten. Eine Erzieherin sagte: "Er will immer, das wir mit ihm was machen, uns
kümmern." Die anderen Kinder wollten nicht mit ihm spielen. Er war ein Außenseiter! Die Erzieherinnen machten es sich zur Aufgabe "ihn reinzuholen", wie sie sagten. Er bekam besonders viel Zuwendung.
Doch nichts änderte sich.
In der Aufstellung zeigte sich folgendes Bild:
Ich ließ einen Stellvertreter für den Jungen aufstellen, einen Stellvertreter für die anderen Kinder und eine Stellvertreterin für das Team. Der
Junge schaute unablässig zu den anderen Kindern, das Team nahm er kaum wahr.
Da fiel mir der Satz ein: "Ich bin einer von euch, ich will zu euch gehören."Ich ließ den Stellvertreter des kleinen Jungen zu den
anderen Kindern sagen: " Ich bin einer von euch, ich will zu euch gehören." Dem kleinen Jungen ging es sofort besser.
Die Stellvertreterin für die anderen Kinder wurde plötzlich neugierig und schaute ihn wohlwollend an. Die Stellvertreterin für das Team atmete
auf und trat einen Schritt zurück. Das war alles. Keine Diskussionen, kein weiteres Gespräch.
Auch diese Aufstellung hatte eine verblüffende Wirkung:
Der Junge kam wie ausgewechselt in den Kindergarten. Er fühlte sich wohl, spielte mit anderen Kindern. Die Erzieherinnen konnten sich
zurückziehen. Kaum zu glauben - aber wahr!
Es war oft förmlich zu sehen, dass die Bilder der Aufstellungen bei den Erzieherinnen eine tiefe Wirkung hatten.
Wie geht es einem Kind, das "nicht in Ordnung ist und hineingeholt werden muss" und wie einem Kind, das dazugehören will, weil es
eines von den anderen ist? Es ist mehr als ein Perspektivenwechsel.
Würdigung einer Mutter
In Konfliktsituationen mit den Eltern zeigten sich ebenfalls immer wieder positive Auswirkungen.
In folgendem Beispiel wollte eine Mutter ihr Kind nicht im Kindergarten übernachten lassen.
Die Erzieherinnen hatten dafür kein Verständnis. Schließlich war es ein besonderes Angebot für alle Kinder, was einmal im Jahr auf dem Plan
stand und die anderen Eltern waren begeistert. Ebenso war es für Kinder eine besondere Erfahrung, die man ihnen allen ermöglichen sollte.
In der Aufstellung standen Mutter und Team wie Gegner einander gegenüber. Das Kind stand dazwischen. Es fühlte sich schlecht. Ich hörte
innerlich den Satz: "Du weißt es besser, was gut ist für dein Kind, wir achten deine Entscheidung!"
Diesen Satz ließ ich das Team zur Mutter sagen: "Du weißt es besser, was gut ist für dein Kind! Wir achten deine Entscheidung!" Diese
Worte hatten auf alle Beteiligten eine wohltuende Wirkung.
Die Mutter fühlte sich gewürdigt, das Kind war deutlich entspannt. Die Stellvertreterin des Teams fühlte, dass das genau die richtigen Worte
waren. Alle konnten die Veränderung sehen. Sie waren beeindruckt, ja ergriffen!
Die Spannung zwischen Mutter und Team war wie weggeblasen. Auch in der Realität zeigte es seine Wirkung. Am nächsten Morgen kam ihnen diese
Mutter lächelnd entgegen.
Zwischenbetrachtung
- Es erstaunt mich immer wieder, wie leicht Menschen zugänglich werden, wenn wir sie achten und ihnen voll zustimmen. Doch wie schwer ist
manchmal diese Haltung!
- Die Erzieherinnen gingen gestärkt aus dieser Arbeit. Sie erkennen heute klarer ihre Grenzen und treten den Eltern respektvoll entgegen. Das
gibt manchmal verblüffte Gesichter. Zum Beispiel, wenn sie einer Mutter klar sagen: "Dafür bin ich nicht zuständig, ihrem Sohn das Nuckeln abzugewöhnen". Sie lassen sich nicht mehr so schnell für
unangemessene Wünsche der Eltern vereinnahmen.
- Auffällig war auch, dass manches Kind, um das es in der Supervision ging, am nächsten Tag krank war. Einen Tag später zeigte sich dann der
Wandel. Ich bin diesem Phänomen nicht nachgegangen, aber es ist bemerkenswert.
- Was zuallererst zum Wohl der Erzieherinnen gedacht war, hat sich ausgeweitet zum Wohl der Kinder.
Der gute Teamgeist
Insbesondere schöpften die Erzieherinnen Kraft aus ihrem "guten Teamgeist", den sie durch eine Teamaufstellung stärken wollten. Es
waren inzwischen 2 Aushilfen zum Team dazugekommen, die regelmäßig Vertretungen übernahmen und auch an den Supervisionsabenden teilnahmen. Nachdem das Anliegen klar war, begannen wir zunächst mit einer Übung. Ich
ließ die Erzieherinnen verschiedene Ebenen der Ordnung sichtbar machen.
- Sie stellten sich dem Alter entsprechend von rechts nach links auf. Sofort wurde sichtbar, wer vom Alter her die meiste Lebenserfahrung hat.
- Im nächsten Schritt stellten sie sich nach Länge ihrer Berufsjahre auf.
- Dann ging es darum, wie lange sie im Team sind. Wer am längsten da war stand rechts, wer am kürzesten in der Einrichtung arbeitete, stand
ganz links.
- Und schließlich: welcher Hierarchieebene sie wie lange angehören.
Während dieser Übung konnte ich beobachten, wie die einzelnen Teammitglieder gegenseitig diese Aspekte würdigten. Hier wurde sichtbar, dass ein
Team durch gegenseitige Bestätigung Zuwachs an Kraft bekommt.
In der folgenden Aufstellung hat dann jede schnell ihren richtigen Platz gefunden. Von diesem Platz aus waren alle im Blick. Und alle konnten
das Ziel, ihre gemeinsame Aufgabe, gut sehen. Dabei wurden auch der Träger der Einrichtung und ehemalige Teammitglieder gewürdigt.
Das Team sitzt seitdem bei Besprechungen und in der Supervision in dieser "richtigen Reihenfolge". Das fühlte sich für alle erst
einmal anders an, ungewohnt, aber gut.
Weitere Teamanliegen lösten die Erzieherinnen selbst in ihren Teambesprechungen.
Rückmeldungen
Die Rückmeldungen der Erzieherinnen haben mich gefreut. Es kamen Sätze wie:
"Die Trennung von beruflicher und privater Ebene ist mir jetzt möglich und viel leichter".
"Mein Denken hat sich verändert, ich schaue jetzt anders auf die Kinder und Eltern".
"Durch meinen anderen Blick, kann ich auch anderes Handeln".
" Ich habe erkannt, dass es unter der Oberfläche viel tiefere Zusammenhänge gibt".
"Wir haben durch die Bilder der Aufstellung unmittelbar neue Erkenntnisse gewonnen".
"Meine innere Haltung hat sich verändert, zu den Kindern, zu den Eltern und zu den Kollegen".
"Diese neuen Einsichten wirken sich bis in mein Privatleben aus".
"Unsere Arbeit ist leichter geworden, auch bei schweren Fällen".
Nachbetrachtung:
Was für uns alle als Experiment anfing, hat sich als berufsbegleitende Unterstützung bewährt.
Bert Hellinger sagt: "Der Helfer handelt ohne Absicht, ohne Liebe, ohne Furcht und ohne Vorstellungen" - genau das ist die
Herausforderung für mich, der ich mich immer wieder aufs Neue stelle.
Inzwischen arbeite ich auch in anderen Einrichtungen erfolgreich mit der systemisch-phänomenologischen Methode. Ich schreibe den Erfolg der
Arbeit nicht nur den gefundenen und anerkannten Ordnungen zu.
Ich konnte oft beobachten, dass das, was Bert Hellinger "inneren Vollzug" nennt, sich spontan bei den Erzieherinnen entwickelt hat aus
den unmittelbaren Erkenntnissen und Einsichten der Aufstellungsarbeit. Dies wiederum hat offensichtlich positive Auswirkungen auf die Menschen, denen wir begegnen und mit denen wir arbeiten.
Auch mein eigener Entwicklungsprozess, der immer wieder gefordert ist, trägt sicher zum Gelingen an "dieser Art der Supervision" bei.
Phänomenologisch zu arbeiten ist ein Wagnis, auf das ich mich einlasse. Vorgefertigte Konzepte zu vergessen ist die ständige Übung.
Für mich war es auch hilfreich zu erkennen, wie leicht Lernen und Lehren auf der Basis der Ebenbürtigkeit ist. Wenn niemand größer oder besser
sein muss, geschehen manchmal vielleicht Dinge, die wie Wunder erscheinen und doch ganz einfach sind.
Literatur
Bert Hellinger und Gabriele ten HövelAnerkennen, was ist. Gespräche über Verstrickung und Lösung. 1996. Kösel Verlag.Bert HellingerOrdnungen der
Liebe. 1993. Carl-Auer-Systeme Verlag.Gunthard Weber (Hrsg.)Zweierlei Glück. Die Psychotherapie Bert Hellingers. 1993. Carl-Auer-Systeme Verlag.Bert HellingerDer Austausch. Fortbildung für Familiensteller. 2002.
Carl-Auer-Systeme Verlag.Johannes NeuhauserOrganisationsberatung und Organisationsaufstellung. 26 Fragen an Bert Hellinger. 1998. Video. Carl-Auer-Systeme Verlag.Bert Hellinger Ordnungen des Helfens. Ein
Schulungsbuch. 2003. Carl-Auer Systeme Verlag.
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